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Wider das Vergessen - lass uns die Welt vergessen!

Wir schreiben das Jahr 1938. Während das zum Teil jüdische, zum Teil „arische“ Ensemble der Wiener Volksoper die heitere Operette „Gruß und Kuss aus der Wachau“ probt, bricht die politische Realität immer brutaler über die Männer und Frauen herein, die sich alsbald in gegnerische Lager aufspalten. Da sind die leidenschaftlichen Nazis, die in erstarkendem Machtrausch der alten Elite ihre Überlegenheit entgegenschleudern, während die jüdischen Mitglieder des Ensembles, zunächst noch ungläubig, dann zunehmend verängstigt, zwischen stolzem Ausharren und rechtzeitiger Flucht ins Ausland schwanken. Zwischen den Fronten finden sich jene Menschen, die nicht unmittelbar betroffen, aber mit Juden verheiratet oder verwandt sind und durch die gesellschaftliche Spaltung in Identitätskrisen und Loyalitätskonflikte gestürzt werden.

 

Als Kontrapunkt und Ergänzung zu der Scheinwelt des schillernd bunten, flockig-leichten Musikstücks auf der Probebühne und den menschlichen Dramen, die sich im Ensemble abspielen, wird im Hintergrund authentisches Film- und Radiomaterial aus der damaligen Zeit eingespielt. Hitlers kämpferische Reden, der vergebliche Versuch der Politik, Österreichs Unabhängigkeit durch eine Volksabstimmung zu retten, jubelnde Menschenmassen im Angesicht einmarschierender Soldaten, der verzweifelte Ruf „Gott schütze Österreich!“ des abtretenden Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg … Mehr als einmal flossen mir an diesem Abend angesichts der schmerzvollen Vergangenheit meines Heimatlandes Tränen über die Wangen.


Als besonders berührend empfand ich die Tatsache, dass es sich nicht um erfundene Geschichten handelt. Hier werden die Schicksale echter Menschen, nämlich des Volksopern-Ensembles des Jahres 1938, authentisch wiedergegeben. Gerade vor diesem Hintergrund empfindet man den krassen Gegensatz zwischen den heiteren Tönen der - in zunehmend arisierter Besetzung geprobten - Operette und den menschlichen Katastrophen, die den jüdischen Mitgliedern des Ensembles widerfahren, als immer brutaler, immer unerträglicher. 

 

Während das Stück das Publikum - nicht zuletzt dank der überzeugenden schauspielerischen Leistung - zunehmend in seinen Bann zieht, bereitet es beinahe schon körperlichen Schmerz, die Geschehnisse auf der Bühne zu verfolgen. 

 

Dass die Komposition von der aus Israel stammenden Dirigentin Keren Kargalitsky stammt, ist mehr als nur ein schönes Symbol. Mit Gefühlstiefe und viel Gespür erbringt sie auch musikalisch eine Leistung, die sich sehen - oder in diesem Fall hören lassen kann.

 

Die Standing Ovations nach der Aufführung sind absolut berechtigt! Wer noch keine Gelegenheit hatte, das Stück anzusehen, dem empfehle ich den Besuch der wegen großen Erfolges angesetzten Zusatzvorstellung am 18. Februar. 

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